Projektbeschreibung

Gynäkologische Untersuchungen sind ein zentraler Bestandteil der medizinischen Vorsorge und begleiten Frauen über verschiedene Lebensphasen hinweg. Gleichzeitig handelt es sich um eine Untersuchungssituation, die sich in ihrer körperlichen und psychischen Dimension deutlich von vielen anderen medizinischen Routineuntersuchungen unterscheidet. Die direkte Konfrontation mit Intimität, körperlicher Exponiertheit und einem potenziellen Machtgefälle zwischen Patientin und medizinischem Fachpersonal macht die gynäkologische Untersuchung zu einer besonders sensiblen Erfahrung.

Zahlreiche Studien zeigen, dass gynäkologische Untersuchungen von Patientinnen nicht ausschließlich anhand ihres medizinischen Nutzens bewertet werden, sondern in hohem Maße durch subjektive Wahrnehmungen geprägt sind. Gefühle von Unbehagen, Anspannung, Kontrollverlust oder Angst treten dabei unabhängig vom tatsächlichen Untersuchungsbefund auf und beeinflussen sowohl die Akzeptanz als auch die Bereitschaft zur regelmäßigen Inanspruchnahme gynäkologischer Vorsorgeangebote.

Eine zentrale Rolle innerhalb dieser Situation nimmt das gynäkologische Spekulum ein. Es ist unverzichtbares Instrument zur Examinierung der Scheide und des Gebärmutterhalses und ist integraler Bestandteil zahlreicher Untersuchungs- und Diagnoseverfahren. Trotz seiner medizinischen Relevanz wird das Spekulum von vielen Patientinnen als besonders unangenehm oder bedrohlich wahrgenommen. Insbesondere kalte Oberflächen, abrupte mechanische Bewegungen sowie eine mangelnde Anpassung an individuelle anatomische Gegebenheiten werden als belastend beschrieben.

Neben der Perspektive der Patientinnen rückt zunehmend auch die ergonomische Belastung des medizinischen Fachpersonals in den wissenschaftlichen Fokus. Gynäkologinnen und Gynäkologen sind während vaginaler Untersuchungen häufig gezwungen, in statischen oder asymmetrischen Körperhaltungen zu arbeiten. Empirische Studien zeigen eine hohe Prävalenz arbeitsbedingter muskuloskelettaler Beschwerden, insbesondere im Bereich des unteren Rückens, des Nackens und der dominanten Schulter.

Forschungsfrage und Zielsetzung

Diese Bachelorarbeit setzt an dieser Schnittstelle an und verfolgt die Fragestellung: Welche Anforderungen stellen Patientinnen und medizinisches Fachpersonal an gynäkologische Spekula und wie können diese Erkenntnisse in ein empathisches Produktdesign überführt werden?

Ziel war es, die Anforderungen von Patientinnen und medizinischem Fachpersonal systematisch zu analysieren und diese Erkenntnisse in einen empathischen, gestalterisch fundierten Produktentwurf zu überführen. Der Fokus lag dabei auf der Übersetzung interdisziplinärer Erkenntnisse aus Medizin, Ergonomie und Psychologie in einen Designprozess, der die besonderen sensomotorischen und emotionalen Bedingungen der gynäkologischen Untersuchung berücksichtigt.

Methodisches Vorgehen

Die Arbeit basiert auf einem mehrstufigen methodischen Ansatz. Zunächst erfolgte eine umfassende theoretische Auseinandersetzung mit der gynäkologischen Untersuchung, die historische, medizinische, anatomische, ergonomische und psychosoziale Aspekte umfasste. 

Ergänzend wurde eine eigene empirische Erhebung durchgeführt. Mittels standardisierter Online-Befragung wurden 102 Patientinnen zu ihren Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bedürfnissen im Zusammenhang mit gynäkologischen Untersuchungen befragt. Die Auswertung erfolgte sowohl quantitativ als auch qualitativ und lieferte wertvolle Einblicke in die subjektive Wahrnehmung verschiedener Instrumenteneigenschaften sowie in die Bedeutung kommunikativer und atmosphärischer Faktoren.

Auf Grundlage der theoretischen und empirischen Erkenntnisse wurden drei konzeptionelle Ansätze entwickelt und anhand definierter Kriterien systematisch bewertet. Das ausgewählte Konzept wurde anschließend in einem iterativen Prototypingprozess mit fünf aufeinander aufbauenden Entwicklungsstufen gestalterisch ausgearbeitet.

Designlösung

Der finale Entwurf kombiniert einen modularen Aufbau mit integrierten technischen Funktionen. Kernidee ist die Trennung von Griffstück und Spekulumblättern. Über einen Bajonettverschluss können unterschiedlich lange Blätter am Griffteil befestigt werden, um eine flexible Anpassung an verschiedene anatomische Voraussetzungen zu ermöglichen. Im Griffstück sind eine Kamera und eine Lichtquelle integriert, die sowohl die direkte Sicht des medizinischen Personals als auch eine Live-Darstellung auf einem externen Bildschirm ermöglichen. Dies erlaubt nicht nur eine aktivere Einbindung der Patientin in den Untersuchungsprozess, sondern auch eine standardisierte Bilddokumentation für Verlaufskontrollen.

Der Feststellmechanismus orientiert sich am Prinzip einer Arterienklemme. Eine gezahnte Schiene greift beim Zusammendrücken der Griffe automatisch in feinen Raststufen ein und fixiert die Öffnung. Ein integrierter Entriegelungsmechanismus ermöglicht eine schnelle, einhändige Bedienung. Der Ansatz der Griffgestaltung berücksichtigt unterschiedliche Handgrößen und zielt auf eine Reduktion muskuloskelettaler Belastungen ab.