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Archimedes Projekt - m/d einkreis

Abgrenzung vs Nähe in Zeiten von Corona. Den Convenience Space zu verlassen, birgt heute Gefahr. Wie kann ich mich abgrenzen, aber doch mit Menschen zusammenkommen?

Wie richte ich mich in meinen 1,50 Metern ein, ohne andere Menschen vor den Kopf zustoßen?

1. Einleitung

Bis Anfang März waren Abstand und Nähe Themen, die die meisten von uns eher auf den Beziehungsratgeberseiten einschlägiger Zeitschriften verortet hätten. Inzwischen ist uns das Messen in Fleisch und Blut übergegangen. Wie viel Abstand muss sein, damit ich sicher bin? Wie viel Nähe darf ich zulassen, damit meine alten Eltern noch sicher sind? Wie halten meine Freunde das eigentlich mit den Abstandsregeln? Bleibt das jetzt so, dass jede Verabredung auch erstmal ein gegenseitiges Abtasten bedeutet, wie viel Nähe für den/die anderen noch in Ordnung ist? Und habe ich tatsächlich gerade versucht, bei meinem Nachbarn, der mir beim Einkaufen auf dem Markt so dicht auf die Pelle rückt, eine Risikobewertung danach vorzunehmen, ob er wie ein Party-Gänger und Abstandsverweigerer - vulgo: Virenschleuder - ausschaut?

Viel Abstand bedeutet viel Sicherheit, das haben wir während des Lockdowns gelernt. Wer völlig auf Kontakte verzichtet, ist völlig sicher. Wir mussten bei der Gelegenheit allerdings auch feststellen, dass überleben nicht das gleiche wie leben ist. Wir alle sind zur sozial distanzierten Fahrgemeinschaft auf dem Corona-Coaster geworden: Dünnhäutig, müde, in der Reizarmut des ewig gleichen Einerleis im Home Office zugleich überfordert und unterfordert. Der Frühling geht vorbei, der Sommer kommt. Jetzt sollte eigentlich das Leben anfangen. Aber wir warten ja noch. Worauf eigentlich? Auf einen Impfstoff? Auf ein Medikament? Und wenn die Wissenschaftler keines finden? Was macht Leben eigentlich aus, wenn nicht unsere sozialen Kontakte? Irgendwie fühlt sich seit Corona alles schal an. Wie lange halten wir das aus, das Warten? Geht das jetzt immer so weiter?

Eins ist uns inzwischen klar geworden: Das Leben als Einsiedler, so viel Sicherheit es uns bringen mag, ist keine Option. Was aber dann? Irgendwie müssen wir uns unser Leben zurückerobern. Das wird nicht einfach. Jeder von uns hat inzwischen diesen imaginären 1,50-Zollstock im Kopf und wird kribbelig, wenn uns der Hintermann an der Kasse zu nah kommt. Und jetzt? Ihn ansprechen, im Zweifel einen blöden Spruch kassieren? Gibt es keine Möglichkeit, unseren Sicherheitsbereich ein bisschen subtiler abzustecken ohne uns in einem Gummiball verstecken zu müssen.

2.Fragestellung

Wir wollen ein Instrument finden, das subtil dafür sorgt, dass alle den subjektiven Sicherheitsbereich der anderen einhalten. Dieser Bereich kann bei einem älteren Menschen größer sein als bei einem jüngeren, bei einem chronisch Kranken als bei einem gesunden Impfgegner. Wir können unserem Gegenüber nicht ansehen, mit welchem Abstand er sich wohlfühlt. Wo für ihn die Grenze zwischen Distanz und Nähe, zwischen Sicherheit und Gefahr verläuft. 

Wir wissen noch nicht, wie unser Instrument ausschauen soll. Manche gehen mit Schwimmnudeln auf dem Kopf ins Cafe, um die Mitmenschen auf Abstand zu halten. Restaurants bieten Plexiglas-Kammern an, um die Viren zu stoppen. Firmen dünnen ihre Belegschaft so weit aus, dass ganz sicher nichts passieren kann. Auf dem Bau gibt es mittlerweile sogar Armbänder, die den Träger mit einem Vibrieren oder einem Piepsen davor warnen, wenn ihm ein anderer Bauarbeiter zu nahe kommt. 

Alle diese Erfindungen mögen am Ende ihren Zweck erfüllen, wirken auf uns aber bestenfalls wie Notlösungen. Ich würde meinen Kaffee wohl doch eher allein auf dem Balkon trinken als mir eine Schwimmnudel über den Kopf zu stülpen. Und glaubt jemand, ein Candle Light Dinner hinter Plexiglas würde funktionieren?

Wir haben Freunde befragt: Wie würdet Ihr Euch eine subtile Lösung vorstellen? Die Antwort war meistens Schweigen. Oder das schamhafte Eingeständnis, dass das Virus jetzt, im Sommer, im Freien…ja doch irgendwie nicht so eine Gefahr sei. Dass die Infektionszahlen inzwischen so niedrig seien, dass man doch wohl zumindest draußen gemeinsam essen gehen könne. Die Vorsichtigeren meinten, sie hätten weiter Angst - etwa, ihre Eltern zu besuchen und womöglich anzustecken. Andererseits: Wie lange soll das noch gehen? Wann überwiegt das Risiko, dass die älteren Herrschaften mangels Kontakten allzu sehr abbauen oder schlicht den Lebenswillen verlieren, die Gefahr durch das Virus? 

Die Ängstlicheren unter unseren Freunden besuchen ihre Eltern deshalb, aber sie treffen Vorkehrungen: Übernachtet wird im Hotel, gegessen wird nur draußen und an überdimensionierten Tischen, gemeinsamer Aufenthalt in geschlossenen Räumen findet nicht statt. Die ganz Ängstlichen waren seit Februar nicht mehr in der Heimat - und werden von ihrem schlechten Gewissen gequält. 

Auf der Suche nach einem subtilen Abstandshalter bringt uns das nicht weiter. Wir sind uns jetzt aber sicher, dass wir einen Nerv treffen. Viele wünschen sich in der Pandemie ein Instrument, dass subtil den eigenen Sicherheitsbereich und den der anderen absteckt. Und zwar am besten so, dass man es irgendwann kaum noch merkt. Wir suchen weiter. Und zwar erstmal nach technischen Möglichkeiten. Was ist überhaupt machbar? Da muss es doch hoffentlich noch mehr Ideen geben als Schwimmnudeln und Pieper.

Wie können wir anziehen anstatt abzustoßen? Einladen statt fernhalten?

3. Prozess-Skizze / Mindmap

4. Zwischenfazit

Es benötigt eine Lösung die sowohl einladenden ist auch und so wenig wie möglich warnend. Das Problem der bestehenden Lösungen ist die Abgrenzung des Raumes und das viel zu späte warnen wenn dieser verletzt wurde. 

Der erste Versuch eine technische Lösung zu erarbeiten scheiterte nicht daran, dass es technisch unmöglich umzusetzen wäre sondern weil einem einfach die handwerklichen handwerklichen Fähigkeiten fehlten.

5. Forschungsgrundlagen

6. Bezug

Bis Anfang März waren Abstand und Nähe Themen, die die meisten von uns eher auf den Beziehungsratgeberseiten einschlägiger Zeitschriften verortet hätten. Inzwischen ist uns das Messen in Fleisch und Blut übergegangen. Wie viel Abstand muss sein, damit ich sicher bin? Wie viel Nähe darf ich zulassen, damit meine alten Eltern noch sicher sind? Wie halten meine Freunde das eigentlich mit den Abstandsregeln? Bleibt das jetzt so, dass jede Verabredung auch erstmal ein gegenseitiges Abtasten bedeutet, wie viel Nähe für den/die anderen noch in Ordnung ist? Und habe ich tatsächlich gerade versucht, bei meinem Nachbarn, der mir beim Einkaufen auf dem Markt so dicht auf die Pelle rückt, eine Risikobewertung danach vorzunehmen, ob er wie ein Party-Gänger und Abstandsverweigerer - vulgo: Virenschleuder - ausschaut?

7. Forschungsfragen

Wie viel Abstand ist notwendig um sich nicht mit Krankheiten anzustecken, die über die Luft übertragen werden?

Wie stark ist der Abstand zu verringern um keine sozialen und emotionalen Nachteile zu empfinden?

Welche technischen Lösungen gibt es abseits von Handyapps und Piepern?

8. Prototyping

Szenario

Unsere Persona ist eine ältere, eigentlich noch rüstige und recht gesellige ältere Dame, die trotz Corona das Haus noch verlässt. In manchen Situationen überkommt sie aber ein mulmiges Gefühl. Im Supermarkt zum Beispiel kommen ihr die anderen Kunden zum Teil doch recht nah. An sie würde sie gern das Signal senden, ein wenig mehr Abstand zu halten - höflich, subtil und ohne jeden einzelnen darauf ansprechen zu müssen

Projekt-Name

Die Idee der Lichtkreise hat uns schon recht früh fasziniert, daher der Arbeitstitel „Archimedes-Projekt“. Der Legende zufolge soll er während der Eroberung seiner Heimatstadt Syrakus auf Sizilien durch die Römer mit der Lösung eines mathematischen Problems beschäftigt gewesen sein. Einen plündernden Soldaten forderte er danach auf: „Störe meine Kreise nicht.“ Der Soldat erschlug Archimedes daraufhin. Nicht nur deswegen haben wir uns dann für einen anderen Projektnamen entschieden: M/DeinKreis. Der neue Titel soll die Variabilität unseres Produkts ausdrücken, mit dem der Wunsch nach  Nähe oder Distanz je nach den Umständen flexibel ausgedrückt werden kann.

Technische/gestalterische Herausforderungen

Ausblick

Ausgehend von unserem Grundszenario, der älteren Dame im Supermarkt, sind zahlreiche Weiterungen und Ergänzungen unseres Produktes denkbar. Manche liegen auf der Hand, andere benötigen technische Weiterentwicklungen, nicht alle mögen auf Anhieb realistisch erscheinen. Dennoch wollten wir unsere Ideen hier aufführen, da wir in der Arbeitsgruppe ebenso wie in unseren Bekanntenkreisen viele lebendige Diskussionen darüber geführt haben und daher davon ausgehen, in dieser aufgeheizten Corona-Zeit damit einen Nerv zu treffen - und möglicherweise die Grundlage für weitere Visionen zu legen:

- Schule: Schüler unterschiedlicher Schulklassen sollen keinen Kontakt mehr haben, um das Virus nicht noch weiter zu verbreiten. Diese Segmentierung ließe sich erleichtern, indem sich die Schüler jeder Klasse mit Kreisen in einer bestimmten Farbe umgeben. Die Lichtkreise müssten bloß in Pausenzeiten oder bei dem Gang über öffentliche Flure eingeschaltet werden, nicht während alle im Klassenzimmer sind.

- Supermarkt: Supermarkte könnten am Eingang Signale an eine mit dem Lichtgürtel gekoppelte App aussenden und so die Lichtkreise der eintretenden Kunden automatisch an- bzw auf Rot als Warnfarbe schalten. Alternativ kann der Kunde den Lichtkreis selbst anschalten und die Farbe wählen oder eine Voreinstellung in der App treffen.

- Ähnliches könnte für das Betreten von Bussen, U-Bahnen oder öffentlichen Gebäuden gelten - im Prinzip für alle Orte, an denen Maskenpflicht herrscht, weil die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können

- Die App könnte auch auf die Anzahl der Bluetooth-Signale in der Umgebung reagieren und den Lichtkreis selbständig anschalten, wenn sich die Menge verdichtet

-  Die Lichtkreise können über gleich Farben auch die Zusammengehörigkeit von Gruppen, Familien oder Haushalten anzeigen, etwa bei größeren Parties oder auf Veranstaltungen, wo die Gastgeber zur Durchsetzung der Abstandsregeln verpflichtet sind.

- Denkbar ist die Weiterentwicklung zu einem Designobjekt (geschmückter schicker Gürtel, Einbau in Schuhe, aufgepeppter Lichtkreis, der nicht mehr ein simpler Kreis ist, sondern ein kleines Kunstobjekt mit schwimmenden Fischen oder was auch immer der Besitzer sich ausdenkt).

- Wunsch auf Nähe: Da das Flirten dank der Abstandsregeln und mangels Gelegenheiten auf Parties und in Bars etc sehr viel schwieriger geworden ist, könnte der Lichtkreis auch so eingestellt werden, dass er über die Farbe (oder kreisenden rote Herzen etc) einen Wunsch nach Nähe ausdrückt. Ob sich flirtwillige Zeitgenossen so offen outen würden, war Gegenstand heftiger Diskussionen und bliebe abzuwarten. Dennoch wollten wir diese Option zumindest erwähnen.

9. einkreis

10. Reflexion

In der Reflexion unserer Entwicklung ergaben sich für uns folgende Schlussfolgerungen: Das zukünftige Produkt müsste ergonomisch und adaptiv gestaltet sein, also anpassbar an alle Körperformen, Lebenslagen und mögliche Situationen. Des weiteren ist eine einfache und möglichst intuitive Bedienung unabdingbar. 

Nur wenn die Anwendungsmöglichkeiten / Szenarien schnell erkannt erfasst werden und einzurichten sind, wird der Nutzer auf diese zurückgreifen und sie in seinem Alltag integrieren. Auch die Frage nach dem Stückpreis beschäftigte uns in unseren Diskussionen, hier kamen wir zu der Erkenntnis, dass es möglich sein müsste, auf Grund der überschaubaren Entwicklungs- und Produktionskosten den Gürtel relativ kostengünstig (Kosten für den ersten Eigenbau ca. 16€ - spätere Massenfertigung kalkuliert auf 5€) anbieten zu können. Sollte es nun noch gelingen, mittels gezielter Promotion-Aktionen einen Hype für das Produkt zu entfesseln, stünde einem erfolgreichen Massenstart nichts mehr im Wege. 

Alternativ könnte auch eine Kooperation mit den Krankenkassen den Anschub für die Finanzierung leisten und den Markteinstieg erleichtern. 

Die spekulative Weiterentwicklung des Produktes wurde natürlich ebenfalls diskutiert. In diesem Feld experimentierten wir gedanklich unter anderem das Thema der Stromversorgung. Ein erster Ansatz war die relativ einfache Möglichkeit, den Akku unserer Mobiltelefone als Stromversorgung zweckzuentfremden. Lediglich ein USB-C- oder Lightning-Adapter müsste entwickelt werden, welcher die Entladung des Geräte-Akkus zur Stromversorgung bewerkstelligen könnte. 

Auch die Stromerzeugung als solche wurde konzeptionell von uns diskutiert. Hier sahen wir die Möglichkeit der Stromerzeugung mittels Piezo-Elementen in den Schuhsohlen. Durch die Bewegung beim Laufen würde Strom erzeugt, welcher dann in einem Akku gespeichert werden müsste, um im Anschluss als Stromquelle dienen zu können. Die notwendige Entwicklung müsste bei den renommierten Schuhherstellern angestoßen werden, welche dann wiederum ebenfalls eine standardisierte Anbindung (auch zur Ladung anderer Geräte) bereitstellen müssten. 

Sollte sich die prognostizierte Verbreitung von AR-Brillen in der Masse abzeichnen, könnten sich die Idee und das Konzept mit relativ geringen Aufwand auf diese Technologie übertragen lassen. 

Ebenfalls sahen wir die Entwicklung ein API für Dritthersteller als sinnvolle Vision für die zukünftige Anwendung. In Einkaufspassagen oder Konsumtempeln könnte ich, auch mittels externer Trigger, über verschiedene Signalisierungstemplates mein tagesaktuelles Konsumempfinden ausdrücken. (z.b. ich möchte in Ruhe schauen! oder beraten sie mich gerne!, etc.). 

In Bars, Discotheken oder Clubs würde ich bei Bedarf meine Stimmungslage oder Intentionen mit nur einer Farbe für alle sichtbar machen können.  (z.B. möchte tanzen; bin Single; möchte euch kennenlernen; möchte nur reden; bin für alles zuhaben) Dies waren nur einige unserer gewonnenen Erkenntnisse, welche sich in vielen Brainstormings und Diskussion für uns als wichtig bzw. erwähnenswert heraus kristallisiert haben.

Fachgruppe

Arbeitsgruppe

Zugehöriger Workspace

2020.1 CM // 💭💥 The Inconvenience Space

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2020