Incom ist die Kommunikations-Plattform der Hochschule Magdeburg-Stendal

In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre

Incom ist die Kommunikations-Plattform der Hochschule Magdeburg-Stendal mehr erfahren

Talk Senses To Me

Wie kann bewusstes Zuhören über Distanz in neuen Räumen gelingen? Es wurde der Funktionsprototyp SAN entwickelt, der gemeinsame Gespräche wieder zu einem bewussten Ritual macht und so einen neuen Wert erzeugt.

Ausgangslage

Nicht erst seit der Corona-Pandemie führen viele Menschen zwischen 18 und 29 Jahren sogenannte Longdistance Freundschaften. Digitale Kommunikation gehört längst nicht mehr nur in den beruflichen, sondern auch den privaten Alltag. Die ständige Erreichbarkeit führt neben sozialem Druck zur Reduktion der Aufmerksamkeit. Ein Grund dafür ist, dass über die digitalen Kanäle wichtige Bestandteile zwischenmenschlicher Kommunikation entfallen: Mimik, Gestik, Berührungen, Blickkontakt, …

Das Konzept Talk Senses To Me soll es ermöglichen, über Distanz einen gemeinsamen Raum zu eröffnen, in dem vertrauensvoll miteinander gesprochen werden kann.

Methodische Annäherung

Neben Literatur zum Thema Kommunikation, Aufmerksamkeit und Räumen brachte ein Besuch des Museums für Kommunikation in Berlin wertvolle Inspiration. Parallel wurden weitere Methoden angewandt:

In einer qualitativen Umfrage wurden Personen aus der Zielgruppe der 18-29 jährigen zu ihrem Empfinden eines guten Gesprächs befragt. Hier wurde ausdrücklich erwähnt, dass das Zuhören des Gegenübers essenziell sei. Das letzte gute Gespräch wurde überwiegend analog geführt.

Die Produktrecherche half, den Markt kennenzulernen und bestehende Bedürfnisse besser zu verstehen. Außerdem stärkte es die Vision und ermöglichte eine eindeutigere Einordnung des Konzepts.

Eine weitere Befragung wurde mit in der Mensa ausgehängten Plakaten durchgeführt. Hier konnten eine Woche lang Klebepunkte verteilt werden. Ergebnis war, dass neben Telefonaten und Videotelefonaten viele weitere Aktivitäten durchgeführt werden. Dies legt nahe, dass die Aufmerksamkeit in diesen Gesprächen zum Teil zu wünschen übrig lässt.

Die Erstellung von Future Wheels führte nicht nur dazu, mögliche Chancen und Risiken abzuwägen, sondern half auch, wichtige Kernpunkte zu definieren: Entlastung durch Limitation, Schaffung einer starken emotionalen Verbundenheit und kreative Nutzungsmöglichkeit.

Bilder.pngBilder.png
Bilder2.pngBilder2.png
Bilder3.pngBilder3.png
Bilder4.pngBilder4.png
Bilder5.pngBilder5.png
Bilder6.pngBilder6.png

Ideation

Nach der schnellen Entwicklung von um die 15 verschiedenen Ideen wurden diese in Cluster zusammengefasst. Hier kristallisierten sich drei Kernfunktionen heraus: das Sichtbarmachen von Emotionen, die Schaffung eines gemeinsamen Raumes und das Ansprechen mehrerer Sinne.

In Gesprächen im privaten Umfeld, aber auch mit Mitstudierenden und den Betreuenden wurden diese Ideen evaluiert und Inspiration von verschiedenen Seiten gewonnen.

Auf dieser Basis wurden drei detailliertere Konzepte ausgearbeitet. Diese wurden im Rahmen des Kurses vorgestellt und von den Betreuenden und Studierenden bewertet. So konnte der Favorit Candle Light Talk ermittelt werden. Dieses erfüllt am besten die drei Themen aus den Ideen-Clustern und überzeugte weiterhin durch das Potenzial der kreativen Weiternutzung und die Erzeugung einer sinnlichen Präsenz.

ideen_16_9.pngideen_16_9.png
ideen.pngideen.png
Bilder7.pngBilder7.png
Bilder9.pngBilder9.png
Bilder8.pngBilder8.png

Konzept

Parallel zu ersten technischen Tests mit dem Arduino aber auch Unity wurde das Feinkonzept erarbeitet und das Artefakt SAN wurde entwickelt.

Das zu verändernde Ritual

Das Kursthema war Changing Rituals. Das Konzept soll ein bestehendes Ritual erweitern. Es wurde das Ritual des wöchentlichen Gesprächs mit der besten Freundin/dem besten Freund gewählt. Dieses erschien spannend, da es sich in der Pandemie drastisch ändern musste. Wurde sich früher im Café getroffen, musste dies zu Lockdown Zeiten auf Zoom oder Discord verlegt werden. Das Gespräch soll im neuen Ritual, der SAN-Nutzung einen gemeinsamen Raum schaffen in dem sich wieder bewusst begegnet wird.

Die Nutzung von SAN

SAN soll genau zwei Menschen miteinander verbinden. Jede dieser Personen hat ein Artefakt, also einen SAN, an einem festen Platz zuhause stehen. Der Verbindungsaufbau erfolgt über einen ritualisierten Ablauf, um ein bewusstes Erleben zu stärken.

Das Artefakt erkennt, wenn beide ihre Besitzer:innen in der Nähe sind. Durch die drehende Zuwendung des Kopfes wird dem Artefakt Leben eingehaucht. Durch Berührung sieht das Gegenüber, dass man da ist - übersetzt mit schwachem Licht und Wärme. Eine Verbindung wird erst hergestellt, wenn beide Personen den Fuß reiben. Dabei nehmen Licht und Wärme zu. Während des Gesprächs verändern sich die Muster, die das Licht wirft. Sie passen sich an die Emotionen des Gesprächspartners / der Gesprächspartnerin an und unterstützen so einen empathischen Austausch.

Wird das Artefakt lange nicht berührt, wird registriert, dass eine Person abgelenkt ist. Die Verbindung lässt langsam nach, das Licht wird schwächer. Erneute Berührung stabilisiert die Verbindung wieder. Das Gespräch kann auf zwei Arten beendet werden: aktiv durch schnelles Auspusten oder durch ausklingen lassen.

Die Vision

SAN kann nur für einen einzigen Zweck genutzt werden, nämlich das Gespräch mit einer bestimmten Person. Somit gibt es deutlich weniger Ablenkungen als bei einem Gespräch am PC. Die Wärme, das Licht und allgemein die lebendige Art SANs stellen eine hohe Verbundenheit zwischen den Sprechenden her. Trotz der örtlichen Distanz soll ein gemeinsamer Raum eröffnet werden, in dem sich vertrauensvoll ausgetauscht werden kann.

GIF.gifGIF.gif
Bilderr2.pngBilderr2.png
Bilderr3.pngBilderr3.png

Prototyp

Für die Werkschau wurde ein Funktionsprotoyp umgesetzt, bestehend aus zwei Artefakten. Dieser enthält einen Großteil der Funktionen aus dem Konzept und wurde außerdem für erste Evaluationen genutzt. Design und technische Umsetzung gingen bei der Umsetzung Hand in Hand.

Formenfindung

Ziel war ein kleines, freundliches Gegenüber, das sowohl zum Hören als auch zum Sprechen einlädt. Im ersten Schritt wurden Formen gesammelt, die mit Hören und Sprechen in Verbindung gebracht werden. Auf dieser Basis wurde eine große Anzahl von kombinierbaren Papierprototypen gebaut. Durch die Kombination von unterschiedlichen Trichern und dem Einholen von Feedback und Meinungen erhielt SAN letztendlich seine jetzige Form.

P6220451.jpgP6220451.jpg
06_Formvarianten.png06_Formvarianten.png
formenbastel.pngformenbastel.png
Bilderr.pngBilderr.png
form_SAN.pngform_SAN.png

Technische Umsetzung

Beide Artefakte werden von einem Arduino im Fuß des einen Artefakts gesteuert. Die Drehung der oberen Trichter wird durch Ultraschallsensoren ausgelöst und durch je einen Servo-Motor realisiert. Für das Aufleuchten beim Berühren des Artefakt-Fußes wird ein kapazitiver Berührungssensor in Kombination mit leitfähigem Faden eingesetzt. Auf den Füßen der Artefakte befinden sich Stickereien, die Hautkontakt registrieren. Das Licht wird durch sogenannte NeoPixel realisiert - einfach anzusteuernde, sehr helle RGB-LED-Streifen. In jedem der Artefakte befindet sich außerdem dicht unter der Oberfläche ein Heizpad um die den Körperkontakt simulierende Wärme zu erzeugen. Durch ein Mikrofon in jedem Artefakt kann das Licht ausgepustet und die Verbindung unterbrochen werden.

Abweichungen vom Konzept

Um die Nutzung für die Werkschau zu entschlacken, wird direkt über beidseitige Berührung eine Verbindung hergestellt, das Reiben entfällt. Auch die Veränderung der Muster als Reaktionen auf Emotionen ist nicht Teil des Prototyps. Es wurden allerdings mehrere Köpfe mit verschiedenen Mustern umgesetzt. Auch wurden Musterveränderungen über das Ein- und Ausschalten von LEDs als Reaktion auf Lautstärke realisiert. Dieses Feature wurde für die Werkschau jedoch aufgrund seiner Instabilität gestrichen.

05_Innenleben.jpg05_Innenleben.jpg
Explosionszeichnung.pngExplosionszeichnung.png
TALKSENSES_plan_Steckplatine.pngTALKSENSES_plan_Steckplatine.png
IMG_E1384.JPGIMG_E1384.JPG

Evaluation und Ausblick

Infografik.jpgInfografik.jpg
eyetracking_SAN.jpgeyetracking_SAN.jpg
doro.jpgdoro.jpg

Eine erste Evaluation hat bereits stattgefunden. Auf der Werkschau wurde SAN gut angenommen und viel genutzt. Über einen UEQ wurde die hedonistische Qualität als sehr hoch bewertet. Die pragmatische Qualität lässt noch Luft nach oben, auch aufgrund dessen, dass das Objekt an wenig bestehendes erinnert. Der aufwändige Verbindungsaufbau ist aber auch bewusst Teil des Konzepts, um eine Ritualisierung und ein bewusstes Zeitnehmen zu schaffen. Auch wurde gerade das überraschende Verhalten häufig als Pluspunkt genannt. Dennoch kann natürlich an der Intuitivität der Bedienung gearbeitet werden.

Zusätzlich wurde ein Test durchgeführt, in der Personen sich zunächst über Zoom und anschließend über den Prototyp SAN unterhalten sollten. Im direkten Vergleich wurde die Atmosphäre beim Gespräch über SAN als besser bewertet. Somit wurde ein erstes Ziel erreicht.

Wir sind zuversichtlich, dass SAN mit weitere Evaluation und Iterationen unser Ziel erreichen kann: Eine alternative Kommunikationsform für Privatgespräche über räumliche Distanz zu schaffen.

P7080410.JPGP7080410.JPG
04_Ausstellung.jpg04_Ausstellung.jpg
werkschau_setting.pngwerkschau_setting.png
P7141648.JPGP7141648.JPG

Fachgruppe

Master Interaktion Design

Art des Projekts

Studienarbeit im Masterstudium

Betreuung

foto: Danny Schott foto: Prof. Steffi Hußlein foto: Prof. Dr.-Ing. Michael Herzog

Zugehöriger Workspace

MID I CHANGING RITUALS I Projekt

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2022