Incom ist die Kommunikations-Plattform des Institut für Industrial Design - Hochschule Magdeburg-Stendal

In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre

Instant Church

Die Installation Instant Church ist ein kritisches digitales Artefakt, welches wesentliche Bestandteile des katholischen Abendmahlgottesdienstes in der Ästhetik eines Automaten inszeniert.

Motivation

Die christlichen Kirchen in Deutschland verzeichnen laut aktuellen Zahlen des Kirchenamt der EKD (Deutsche Bischofskonferenz) einen stetigen Mitgliederschwund. Um den Zugewinn neuer und auch junger Mitglieder zu fördern, gibt es Ansätze zur Digitalisierung der Kirche. Um diesen Trend zu unterstützen, wird mit Instant Church versucht religiöse Traditionen in moderne Formen zu bringen und bei unterschiedlichen kulturellen Schichten einen Diskurs anzuregen.

User Experience

Der Nutzer kann mit diesem Automaten innerhalb weniger Minuten einen komprimierten und automatisierten Abendmahlsgottesdienst erleben. Im Folgenden sind die Hauptbestandteile des katholischen Gottesdienstes in Bezug auf dieses Projekt kurz aufgeführt.

Begrüßung
Die stark verkürzte und digitalisierte Eucharistiefeier startet bei Instant Church mit dem Einwurf einer Münze, was als Begrüßung das Erklingen einer Glocke und das Abspielen von Musik zur Folge hat und als Gottesdienstbeginn, der sogenannten Eröffnung (Einzug, Schuldbekenntnis, Kyrie, Gloria und Tagesgebet) mit dem von einem Kirchenchor begleiteten Einzug in die Kirche, steht.

Predigt
Der nächste Teil eines katholischen Gottesdienstes nach der Eröffnung ist der Wortgottesdienst (Lesungen aus dem alten Testament, Antwortpsalm, Lesungen aus dem Evangelium, Predigt, Glaubensbekenntnis und Fürbitten). Der Automat übersetzt den Teil der Predigt mit dem Start einer Animation auf der gesamten semitransparenten Bodenplatte, auf der das Laufband und alle weiteren Elemente stehen. In der Animation ist visualisiert, wie eine Software mit Hilfe von speziellen Algorithmen das soziale Netzwerk Twitter nach aktuellen politischen Themen analysiert und Hass-Tweets heraus filtert.

Gabenbereitung
Nun folgt der wichtigste Teil eines katholischen Gottesdienstes, die eigentliche Eucharistiefeier (Gabenbereitung, Hochgebet, Vaterunser, Friedensgruß, Agnus Dei, Kommunion). Die Gabenbereitung wird von Instant Church als Positionierung der Oblate aus dem aufwändig beleuchteten Tabernakel (Acrylglasrohr) auf das Laufband übersetzt. Das Laufband befördert anschließend die Oblate in den schwarzen Kasten, indem sich eine Lasergravurmaschine befindet. Der, in dem Schritt vorher generierte QR-Code, wird nun auf die Oblate gelasert und von einer ergänzenden Lichtanimation visualisiert.

Kommunion
Das Laufband setzt sich nach dem Laservorgang wieder in Bewegung und befördert die gravierte Oblate zu einem Trichter, durch den die Oblate in einer geneigten Schiene zu dem Auswurf rollt. Der Nutzer könnte nun das für ihn bestimmte heilige Brot, das den Leib Christi repräsentiert, in sich aufnehmen. Das Erlebnis des katholischen Gottesdienstes durch den Automaten endet noch nicht an dieser Stelle, sondern ist, wie der eigentliche Gottesdienst, durch die Mitteilung um die sogenannte Entlassung noch erweitert worden.

Mitteilung
Die Entlassung (Mitteilung, Segen, Entlassung, Auszug mit Gesang) startet bei instant church mit dem Abscannen des QR-Codes auf der Oblate. Mit dem Smartphone wird der Nutzer nun direkt zu dem Hass-Tweet zu der Plattform Twitter verlinkt und kann die Mitteilung lesen. Da es sich nicht um einen beliebigen Tweet handelt, sondern um einen speziellen Hass-Tweet, ist es die Aufgabe des Nutzers sich eine Meinung zu bilden.

Auszug
Die Entlassung beziehungsweise der Auszug, besteht in dem übertragenen Sinne nun darin, den Verfasser des Tweets zu kontaktieren oder in einer anderen Art und Weise auf den Hass-Tweet zu reagieren. Dieser Akt soll zum Nachdenken anregen und so eine aktive Handlungen fordern und die Erzeugung von mehr Kommunikation und Meinungsfreiheit in der weltweiten Gemeinschaft unterstützen. Abschließend kann der Nutzer das Leib Christi in sich aufnehmen und die Kommunion abschließen.

In der Prozessgrafik (siehe unten) ist die Gegenüberstellung der inhaltlichen Bestandteile mit denen des katholischen Gottesdienstes zusätzlich visuell aufgeführt, wobei der Zeitfaktor nicht proportional dargestellt ist.

Gestaltung

Um den Nutzer zu motivieren sich dem interaktiven Objekt zu nähern, ist eine ansprechende hochwertige Gestaltung angewandt worden. Die Ästhetik eines mobilen Automaten dient als Allegorie für die drastische Reduktion, Komprimierung und Digitalisierung des Gottesdienstes und soll so die kritische theoretische Provokation visuell untermauern. Die Designer haben mit verschiedenen Gestaltungsmitteln und Stilelementen eine ansprechende Ästhetik für Aufmerksamkeit erzeugt und eine visuelle Brücke zu dem Thema Religion und Digitalisierung erzeugt. Ganz konkret ist das ersichtlich bei dem schwarzen Unterteil des Gesamtkörpers, in dem die Technik verbaut ist; dieser erinnert nicht zufällig an den Kultstein an der Kaaba in Mekka, sondern erzeugt einen optischen Bezug zu dem Islam und repräsentiert Offenheit und Toleranz für die Weltreligionen. Weitere bedeutende Gestaltungselemente, um die Aufmerksamkeit der Nutzer auf sich zu ziehen, sind zum Beispiel das kleine goldfarbene Kreuz auf der Abdeckung des Motors direkt vor dem Tabernakel (Gabenbereitung), die auffällig beleuchtete Kreuzbohrung auf dem Kasten, in dem die Lasergravur (Weihung) auf der Oblate erzeugt wird. Die größte Aufmerksamkeit wird auf sich gezogen, indem die obere Abdeckhaube (Kirchenfenster), die die wertvollen und heiligen Elemente in sich beschützt, durch eine animierte Lichtinstallation vollständig bespielt wird und so auch die Kanten des Acrylglases, sowohl vor als auch während der Zeremonie, effektvoll “erleuchtet” werden.

Technische Umsetzung

Durch die Nutzung moderner Mikrocontroller und Rapid-Prototyping-Verfahren konnte Instant Church in einen funktionellen Prototypen überführt werden. Dabei gliedert sich der technologische Aufbau in zwei Teile: die Software welche mittels der Programmiersprache Java erstellt und einem Hardware mechanischen Teil. Die Software analysiert mit Hilfe eines Algorithmus in Echtzeit das Social Media Netzwerk Twitter. Dabei nutzt der Programmcode die von Twitter per API zur Verfügung gestellten Schnittstellen. Sobald der Algorithmus einen Tweet erkannt hat wird des URL in einen temporären Speicher geladen und mittels einer eigens entwickelten Routine in einen maschinenlesbaren QR-Code überführt und nachfolgend in einen für Lasercutter lesbaren G-Code überführt. Dieser G-Code besteht aus einfachen numerischen Anweisungen für einen Microcontroller. Probleme bei der Software Entwicklung waren vermehrt in dem Zusammenspiel aller Schnittstellen und Algorithmen zu finden. Dabei stelle das fehlerfreie transformieren einer URL in ein vektorbasierten QR-Code und nachfolgenden G-Code eine große Herausforderung dar. Dies wurde durch das konsequente Verwenden von verschiedensten erprobten Open Source Frameworks gelöst. Dabei überprüft das Programm jeden Pixel und überträgt diesen in ein Pixel Array. Der mechanische Teil umfasste vor allem klassische Konstruktionsaufgaben, welche durch ein CAD Programm unterstützt hauptsächlich im 3D Druck verfahren umgesetzt wurden. Dabei bereitete der Oblaten-Auswurf mit seiner komplizierten Mechanik eine Herausforderung, da dieser einerseits zuverlässig als auch im 3D Druckverfahren herstellbar sein musste.

User Evaluation

Im Rahmen der Kunst- und Designausstellung Werkschau im Februar 2018 wurde die Installation öffentlich präsentiert. Das Besucherspektrum umfasste größtenteils Akademiker, sowie Studenten und Schüler, wozu auch aktive Kirchenmitglieder zählten, die im Kontext einer Domausstellung mit mehreren auf Religion bezogenen Exponaten speziell eingeladen wurden. Mit einer arbiträren Auswahl aus ca. 700 Besuchern aus Deutschland, Großbritannien, Rumänien und Italien wurden halbstrukturierte Interviews und zahlreiche offene Gespräche über instant church geführt.

Der Vorgang Laserns ist als Bündelung der göttlichen Energie eine hervorragende Metahper. (Professor, 43 Jahre)

Interessanter Ansatz, der vielleicht nicht ganz ernst gemeint ist, um Junge Leute für die Kirche zu begeistern. (Chorsängerin, 19 Jahre)

Wenn sowas überall stehen würde, dann würde ich auch öfter an der Kirche teilhaben. (Student, 16 Jahre)

Die Installation hebt den Zeitgeist der ständigen Verfügbarkeit von Informationen hervor. (Student, 26 Jahre)

Fazit

Mit diesem Konzept entsteht die Frage, ob religiöse Traditionen digitalisiert werden können und somit in unserer schnelllebigen, konsumorientierten und westlich geprägten Gesellschaft Bestand haben. Ist es zukünftig der richtige Weg Abläufe in der Kirche zu automatisieren? Kann man vielleicht dadurch mehr Aufmerksamkeit und neue Sichtweisen auf den Glauben erzeugen und damit die kirchliche Gemeinschaft hinterfragen? Als krönenden Abschluss hatten wir die Möglichkeit dieses Projekt im Juni auf der IHCI in Madrid vorzustellen und unser Paper erfolgreich zu veröffentlichen. Vielen Dank an alle Unterstützer und Betreuer dieses Projektes!

Publikation

IHCI-MCCSIS Madrid 2018

Fachgruppe

Master Interaktion Design

Art des Projekts

Studienarbeit im Masterstudium

Betreuung

Prof. Dr.-Ing. Michael Herzog Prof. Dominik Schumacher Isabel Tönniges

Zugehöriger Workspace

MID+ET Projektkurs: Magdeburger Dom / Bibliothek

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2018 / 2019

Keywords

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