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Master Thesis | Blickwechsel

In dieser Arbeit wird untersucht, wie Techniken der Videoüberwachung in einem Ausstellungskontext in wahrnehmbare Form übersetzt werden können, um ein Bewusstsein für die Überwachungssituation zu schaffen und über aktuelle und zukünftige Technologien der Überwachung zu informieren. Das Ergebnis der Arbeit stellt die interaktive Installation „Blickwechsel“ dar, welche als Intervention im öffentlichen Raum einen Beitrag zu einem gesellschaftlichen Diskurs über aktuelle und zukünftige Überwachungstechnologien leisten kann.

Master Verteidigung

Ich lade alle Interessierten herzlich zur Verteidung meiner Masterthesis am 28.09.2023 ein! In der darauf folgenden Woche könnte ihr im Schauwerk mit der Installation interagieren, ich freue mich auf euch.

Verteidigung:

Wann? 28.09.2023 um 19:00 Uhr
Wo? schauwerk. Oder hier: https://hs-magdeburg.zoom.us/j/87392863094

Problem und Lösungsansatz

Die Videoüberwachung im öffentlichen Raum wird weiter ausgebaut und zunehmend automatisierter und vernetzter durch sogenannte „intelligente“ Überwachungssysteme. Mit dem Sicherheitsversprechen gehen Risiken einer umfassenderen, proaktiven und konformitätsfördernden Überwachungsstruktur einher. Angefangen bei den zugrunde liegenden Trainingsdaten bis hin zur Modellierung von „Normalität“ und „Abweichung“ bergen Technologien auf Basis automatisierter Mustererkennungsprozesse Gefahren der Disziplinierung und Diskriminierung und damit auch der Einschränkung der kulturellen Vielfalt im öffentlichen Raum. Neben einer überwiegend kritisch eingestellten Forschungslage zeigt sich in der Bevölkerung eine gewisse Gleichgültigkeit und Unwissenheit. Dabei ist die gesellschaftliche Verhandlung im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Freiheit notwendig für eine demokratische Kontrolle von Entwicklung und Einsatz.

Leitfrage: Wie kann ein öffentlicher Diskurs über den Einsatz und die Entwicklungen von Techniken der Videoüberwachung angeregt werden?

Ursachen eines mangelnden Diskurses wurden über Literaturrecherchen und persönliche Gespräche in einer mangelnden Wahrnehmung und Informiertheit gegenüber dem Einsatz und Techniken der Videoüberwachung identifiziert. Ein Lösungsansatz zum Ausgleich ermittelter asymmetrischer Beobachtungs- und Informationsordnungen kann in einer Transparenz eingesetzter Techniken der Videoüberwachung liegen. Neben der Voraussetzung für informationelle Selbstbestimmung kann Transparenz als Demokratisierungsprozess nach dem Prinzip „watch the watchers“ verstanden werden. Im Rahmen dieser Arbeit im Fach Interaction Design wird die gestalterische Frage behandelt, wie Transparenz durch die Übersetzung von Techniken der Videoüberwachung mit künstlerischen Mitteln in eine wahrnehmbare Form geschaffen werden kann.

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Gestaltungsfrage: Wie lassen sich Techniken der Videoüberwachung durch eine gestalterische Arbeit übersetzen?

Gestaltung als Übersetzung

Zur Beantwortung der Gestaltungsfrage über eine Konzeptionsphase wurde ein Gestaltungsraum als Werkzeug zur Generierung, Analyse und Weiterentwicklung verschiedener Lösungsansätze entwickelt. Dazu wurden Gemeinsamkeiten der Übersetzung im literarischen Sinne und der Datenvisualisierung und Physikalisierung mit Blick auf kommunikative Ziele betrachtet und auf Basis zeichentheoretischer Modelle ein Möglichkeitsraum über verschiedene definierende Achsen geschaffen. Über vier Iterationen wurden verschiedene Ansätze der zu vermittelnden Inhalte und ihrer übersetzten Repräsentationen generiert und weiterentwickelt, wobei der methodische Rahmen sowohl Inspiration als auch eine strukturierte Analyse der Ergebnisse bietet.

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Im Vergleich zu nicht situierten Darstellungen bieten situative Formen der Übersetzung von Techniken der Videoüberwachung durch die räumliche Nähe des Dargestellten zur Darstellung in die direkte Umgebung der Adressat:innen ein hohes erlebbares Interaktivitätspotenzial. Durch zurückhaltende eigene Wertungen in der Übersetzung wird die Möglichkeit eigener Interpretationen gefordert. In der räumlichen Umgebung eines Szenarios im öffentlichen Raum mit angrenzender Ausstellungsumgebung kann ein diverses Publikum angesprochen werden und neben dem überwachten Raum ein sonst nicht zugänglicher Kontrollraum geschaffen werden. Eine hohe Transparenz wird mit der Darstellung des überwachten Raums aus Sicht der Überwachungssysteme erreicht, wobei inhaltlich aufbauend die Erfassung, Analyse und Bewertung durch automatisierte Verhaltensanalyse im Zusammenspiel mit menschlichen Operateur:innen übersetzt wird. Mit der Nutzung von Projektionen als Kontaktmedium erweist sich die Wandprojektion in Modellen als leistungsfähiger und möglichkeitsreicher gegenüber einer Bodenprojektion.

Konzept

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Über verschiedene prototypische Aufbauten erfolgt die Weiterentwicklung zum Konzept der interaktiven Installation „Blickwechsel“. Die Programmierung des Prototyps erfolgt in der Sprache JavaScript unter der Verwendung der auf Tensorflow aufbauenden Bibliothek ml5.js, welche Zugang zu Algorithmen und Modellen des maschinellen Lernens im Browser ermöglicht.

Bei der eingesetzten automatisierten Verhaltensanalyse wird die Erkennung von Körperposen über skelettartige Repräsentationen der Körperteile spiegelbildlich in den überwachten Raum übersetzt. Die Klassifizierung und Bewertung der erkannten Posen werden über farbliche Codierungen vermittelt. Die Beobachtung durch eine:n Operateur:in wird mit einer blick- beziehungsweise mausverfolgenden Kreismaske mit den Echtzeit Videobildern an der beobachteten Position im überwachten Raum übertragen. Die Bewertung durch den:die Operateur:in wird im Kontrollraum über das Drücken von Buzzern erfasst und in der Wandprojektion über farbliche Codierungen des bereits visualisierten Blickfelds dargestellt. Dabei dienen die Bewertungen als Trainingsdaten für das zugrunde liegende Modell der Verhaltensklassifizierung. Mit dem Zusammenspiel menschlicher und technischer Akteure wird ein greifbarer Zugang über die Funktionsweise algorithmischer Mustererkennungsprozesse angestrebt. Gleichzeitig wird die Installation sowohl mit als auch ohne Personen im Kontrollraum nutzbar.

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Evaluation

Wirkungsfrage: Welche Wirkungen erzielt die Interaktion mit der Installation „Blickwechsel“? 

Die Ergebnisse der anschließenden Evaluation durch acht Testnutzer:innen zeigen, dass die Installation „Blickwechsel“ einen wirksamen Ansatz bietet, ein Bewusstsein für die Überwachungssituation zu schaffen und über Techniken der Videoüberwachung zu informieren, um damit eine Auseinandersetzung und lebendige Diskussion anzuregen.

Mit der Übersetzung der eingesetzten Techniken der Videoüberwachung in spiegelbildliche und interaktive Darstellungen werden Informations- und Sehordnungen ausgeglichen und eine spielerische und Interesse weckende Situation geschaffen. Während die Beobachtung und Bewertung im überwachten Raum als unangenehm wahrgenommen wird, zeigen sich in der Rolle der Operateur:innen Gefühle von Macht und Kontrolle. Die räumliche Trennung der Installation in den überwachten Bereich und den Kontrollraum bietet eine geeignete Möglichkeit, als Nutzer:in beide Positionen einzunehmen und das Zusammenspiel zwischen menschlichen und technischen Akteuren der Überwachung zu erfassen. Dabei zeigte sich, dass das Zusammenspiel teilweise erst nach den eigenen Erfahrungen im Kontrollraum verstanden wurde. Deshalb soll für die geplante Ausstellung und Intervention im öffentlichen Raum ein prägnanter Text Hintergrundinformationen über die Thematik und Funktion der Arbeit bereitstellen. Weitere Verbesserungsmöglichkeiten bestehen in der konkreteren Definition und Illustration der Bewertungsmöglichkeiten, deren Unterscheidung zwischen „Risiko“ und „Normal“ von einigen Testnutzer:innen als unklar beschrieben wurde. Neben Optimierungsmöglichkeiten zeigten die anschließend geführten Diskussionen der Testnutzer:innen untereinander, dass die Installation „Blickwechsel“ viel Potenzial bietet, Auseinandersetzungen und Diskurse zur Überwachungsthematik anzustoßen.

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Fazit

Zusammenfassend zeigt die Arbeit, dass Techniken der Videoüberwachung durch eine situative Übersetzung transparent vermittelt werden können, um ein Bewusstsein der Überwachungssituation zu schaffen. In ersten Nutzer:innen Tests zeigte sich das Potenzial der Installation, durch interaktive Darstellungsformen einen niederschwelligen und spielerischen Zugang zu Informationen über aktuelle und zukünftige Technologien zu schaffen. Damit kann die Installation „Blickwechsel“ über Mittel der Kunst und des Designs erste Impulse für die persönliche Auseinandersetzung mit der Überwachungsthematik als Grundlage für einen informierten Diskurs anregen.

Ein Projekt von

Fachgruppe

Master Interaktion Design

Art des Projekts

Masterarbeit

Betreuung

foto: Prof. Dominik Schumacher foto: Dr. Sandra Maria Geschke

Zugehöriger Workspace

20 MID: 5.1 Master Colloquium

Entstehungszeitraum

WiSe 22 / 23 – SoSe 23

Keywords